Kunst auf Rezept

(Bild: Philipp Wegan, Elisabeth Schafzahl, precarium)

Kunstbetrachtung statt Medikamentierung: In der Schönbrunnerstraße im 12.Wiener Gemeindebezirk werden kleine Kunstwerke per Rezept verordnet. Das partizipative Kunstprojekt, initiiert von Elisabeth Schafzahl und Philipp Wegan, hinterfragt die (Aus-)wirkungen von Kunst auf die Gesundheit unserer Gesellschaft.

Kunst auf Rezept entstand Ende 2015 in Wien und Graz. Mittlerweile haben 144 Künstlerinnen und Künstler unterschiedlichster Herkunft „Rezeptscheine“ für das Projekt „ausgestellt“ – und es werden laufend mehr. Die künstlerischen Rezepturen sind vielfältig: Es finden sich Zeichnung wie Malerei, Fotografie oder Collage und auch textliche Formulierungen auf den Rezepten. Zuletzt waren diese während der Biennale in Venedig 2017 in der Ausstellung art on prescription – artists fill in prescriptions in einem Offspace nahe des Arsenale zu sehen.

Kunst kann heilen helfen

(Bild: Philipp Wegan, Elisabeth Schafzahl, precarium)

Die Idee für das Projekt entstand aus der Fragestellung heraus, inwieweit Kunst den Heilungsprozess günstig beeinflussen kann. Können künstlerische Mittel eingesetzt werden, um Menschen in ihrer Gesundheit zu stärken, in Krankheits- und Krisensituationen und in Veränderungsprozessen zu begleiten und zu unterstützen? Nicht alle Leiden lassen sich in Worte fassen, und nicht alle Menschen können sich gleichermaßen gut artikulieren.

Kunst kann hier neue Wege zu Wahrnehmung und Erkenntnis eröffnen. Diese Erfahrungen über Kunstschaffen und Kunstwahrnehmung können daher nicht nur im therapeutischen Umfeld eingesetzt werden, heute beschäftigt sich ein breites Wissenschaftsfeld mit den Auswirkungen von Kunst auf die Gesundheit und das Wohlbefinden des Menschen, u. a. Neurologen oder Soziologen.

Individuelle Rezepte

Über die Wahl der „Rezeptscheine“ als Trägermedium für die Kunstwerke wurde aber noch ein weiterer wichtiger Aspekt aufgegriffen: Die Ökonomisierung von Medizin und pharmazeutischer Industrie im Zeitalter unserer heutigen Geschwindigkeitsgesellschaft.Die Kunstrezepturen des Projekts wollen diesen Tendenzen entgegenwirken, das individuelle Wahrnehmen wieder ermöglichen.

Die Apotheke als Kunstraum

Ein großes Anliegen der Projektinitiatoren war es, Kunst aus dem üblichen Kunstkontext zu lösen und sich so an ein Publikum zu wenden, das zeitgenössische Kunst kaum rezipiert. Daher wurde das Projekt in einer ehemaligen Apotheke in Wien Meidling gestartet.

Mittlerweile wurden die Kunstrezepte an vielen Orten ausgestellt. Auch der Preis für eines der kleinen Kunstwerke, der der derzeitigen Rezeptgebühr für ein Medikament entspricht, soll dazu beitragen, Kunst ohne die üblichen Hemmschwellen zu erleben und auch zu erwerben.

Weiterführende Informationen

Kunstverein precarium – Labor für Kunst
Elisabeth Schafzahl, Philipp Wegan
www.precarium.at

Autorenschaft: DI Julia Dorninger, Diplomingenieurin der Architektur und Künstlerin, in Abstimmung mit Elisabeth Schafzahl und Philipp Wegan (Stand: Dezember 2017 – März 2018)