Bausteine des Lebens

Teil eines Ganzen zu sein: Dessen wird man sich unwillkürlich bewusst, wenn man eine der großformatigen Grafiken der Künstlerin und Pharmazeutin Dr. Denise Schellmann betrachtet. Auf dem körnigen Papier tummelt sich ein Mikrokosmos filigraner Formen und Strukturen, die bei längerer Betrachtung zu oszillieren scheinen und Assoziationen mit Zellstrukturen herstellen.

Grundlage wie auch Inspirationsquelle für den Schaffensprozess der Künstlerin, Pharmazeutin und aktuell Studentin des Masterstudienlehrgangs Art&Science an der Universität für Angewandte Kunst in Wien sind Erkenntnisse über Formationen und Choreographien von Mikroben, Zellen und deren Organellen, die sie durch ihr Doktoratsstudium für medizinische und pharmazeutische Chemie gewonnen hat.

Kunst und Pharmazie

Die Berührungspunkte zwischen Kunst und Pharmazie sind vielschichtig. Schon im 19Jh. finden sich viele ‚Apotheker-Künstler‘, die ihre naturwissenschaftlichen Erkenntnisse in ihren künstlerischen Prozess einfließen ließen. Einer der berühmtesten Künstler dieser Zeit ist wohl Carl Spitzweg, der sich nach Abschluss seines Pharmaziestudiums hauptberuflich ausschließlich der Malerei widmete.

Spitzweg hatte einen ausgeprägten Farbensinn. Dank seiner Apothekerausbildung hatte er chemische und technische Erfahrung bei der Herstellung seiner Farben. Er verwendete ein einmaliges, hell leuchtendes Blau, das sich bei keinem anderen Maler wiederfindet.

Formationen von Mikroben – Zellen

(Foto: Claudia Dorninger-Lehner)

 

Nicht der chemische Prozess der Farbmischung, sondern der Blick ins Mikroskop eröffnete Dr. Denise Schellmann einen neuen Zugang zu ihrem künstlerischen Schaffensprozess, wie sie uns bei einem Interview erzählt. „Früher habe ich Wissenschaft und Kunst ganz klar voneinander getrennt, mittlerweile lebe ich beides mit einer gewissen Selbstverständlichkeit“, so die Künstlerin und Pharmazeutin. „Mein Mentor, der Künstler Loys Egg, hat mich angeregt, mein Fachwissen über die Welt des Mikrokosmos in meine grafischen Arbeiten zu integrieren.“

„Die Arbeit, die ich damals im Labor gemacht habe, war für mich rückblickend auch eine künstlerische. Ich habe damals neue Substanzen entwickelt, mir überlegt, wie solche neuen Moleküle ausschauen könnten und die visuellen Ergebnisse aus den chemischen Prozessen (in Form von Kristallen) waren jedes Mal von neuem unglaublich spannend. Heute habe ich die gleichen Gefühle, wenn ich ein Bild fertiggestellt habe“, erzählt Dr. Denise Schellmann.

Von der Zelle bis ins Universum

Zwischen chemischer Synthese und Kunst besteht also offensichtlich eine Parallele. Der Chemie-Nobelpreisträger Roald Hoffmann beschreibt das Ergebnis aus der Entwicklung neuer Kombinationsstrukturen in der Chemie als ein oftmals überraschendes aber auch ästhetisch wertvolles. Hier zeigt sich die Verwandtschaft mit Kunst, in der die Ästhetik eine große Rolle spielt. Jedoch besteht ein Unterschied zwischen wissenschaftlicher Objektivität und künstlerischer Produktion.

„Die Natur übte über ihre Formschönheit schon immer eine große Anziehungskraft auf mich aus“, erzählt Dr. Denise Schellmann. „Als Künstlerin versuche ich, der Thematik eine zusätzliche Dimension zu geben, allein über die Skalierung der Bezugsgrößen entstehen neue Lesbarkeiten. Wenn sich der Betrachter auf meine Bilder einlässt, entsteht teilweise ein Sog, aus dem man so schnell nicht wieder herauskommt. Diesen Prozess kann man aber nicht rational fassen, man muss ihn erleben.“

(Zwischen)Raum

(Foto: Claudia Dorninger-Lehner)

 

Wenn Dr. Denise Schellmann von Raum spricht, dann meint sie nicht nur den Raum zwischen den Zellen: „Während meiner Forschungstätigkeit habe ich versucht, den Raum zwischen den Zellen zu verstehen. Diese Zwischenräume sehe ich auch in meinen Zeichnungen; es sind Spannungsfelder, die ein Bild unbedingt benötigt. Wie stehen Punkt und Strich zueinander? Erst durch die Leerräume gewinnt die Arbeit an Dichte und Tiefe.“

Das Mikroskop im Atelier

„Die zuvor beschriebene Faszination für Zellstrukturen ist ein großer Antrieb in meinem künstlerischen Schaffensprozess“, berichtet die Künstlerin und Pharmazeutin. „Meine Inspirationsquelle ist die mikroskopische Welt, daher habe ich auch mein eigenes Mikroskop im Atelier, in dem ich Mikroben analysiere. Danach transponiere ich aber das Gesehene nicht direkt auf mein Papier. Mein Zeichenprozess ist sehr intuitiv. Es ist auch mein Seelenleben, das in der Zeichnung steckt. Ich beobachte und transformiere. Ich musste erstmals alles, was ich auf der Universität über medizinische und pharmazeutische Chemie gelernt habe, vergessen, um mir den Zugang zu meinem Bauchgefühl wieder zu ermöglichen. Damals war es ein lösungsorientiertes Arbeiten, jetzt ist es prozessorientiert.“

Inspirationsquelle Wissenschaft

Während Künstler schon seit Jahrhunderten ihre Inspiration aus der Wissenschaft ziehen, ging man in der Forschung lange davon aus, dass Kunst zur wissenschaftlichen Erkenntnis wenig beitragen kann. Mittlerweile wird Kunst aber auch als wissenschaftliche Ausdrucksform gesehen. „Im Zuge meiner Recherchen zur Masterthesis an der Universität für Angewandte Kunst in Wien habe ich mit vielen Physikern am CERN Interviews geführt. Ich habe gemerkt, dass die Wissenschaftler durch den künstlerischen Diskurs sehr inspiriert wurden, “ resümiert Dr. Denise Schellmann.

Fortsetzung folgt nach Abschluss der Masterthesis

Autorenschaft: DI Julia Dorninger, Diplomingenieurin der Architektur und Künstlerin, in Abstimmung mit Dr. Denise Schellmann (Stand: März 2018)

Weiterführende Informationen

www.deniseschellmann.com