Innovative OP-Technik (1)

Mit Hilfe der minimal-invasiven Chirurgie werden heute viele operative Eingriffe durchgeführt. Doch was steckt hinter dieser Operationsmethode? Wann wurde sie entwickelt und welche Vorteile hat sie versus offenen Operationen. Antworten auf diese Fragen gibt der Chirurg Dr. Christian Enserer. (1. Teil)

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(Foto: Thinkstock, StudioM1, iStock)

Von Adipositas-Patienten, die einen Magenbypass benötigen, oder eine Zystenentfernung an den Eierstöcken bis zu Tumoroperationen an Magen und Darm: Wenn möglich, können heute viele bauchchirurgische Eingriffe laparoskopisch durchgeführt werden. Der Begriff „Laparoskopie“ geht auf das Altgriechische lapare (die Weichen) und skopein (betrachten) zurück und wird dem Bereich der minimal-invasiven Chirurgie zugeordnet.

Dass heißt, dass die Operationsinstrumente über 3-4 kurze Schnitte mit ca. 5-10 mm in den Bauchraum eingeführt werden. Wobei eine Kamera für die digitale Übertragung des operativen Eingriffs auf einen Monitor im Operationssaal sorgt. Dadurch ist die Belastung für den Patienten während der Operation minimal und es kommt zu einer rascheren Mobilisation und Erholung des Patienten nach dem Eingriff.

Historischer Rückblick

Die Geschichte der laparoskopischen Chirurgie ist mit der fortwährenden technischen Innovation verknüpft. Die Anfänge der laparoskopischen Operation am Menschen gehen auf Carl Fervers zurück, einem Gynäkologen. Dieser hat 1933 eine laparoskopische Adhäsiolyse (d. h. Lösung von Verwachsungen) bei einer Patientin mit chronischen Unterbauchschmerzen durchgeführt.

Doch erst die bahnbrechenden technischen Neuerungen des Gynäkologen Kurt Semm in den 60er Jahren haben den Grundstein für diese Operationsmethode gelegt. Semm hat Instrumente entworfen, mit denen minimal-invasive Operationen machbar wurden und die zum Teil noch heute Verwendung finden: u. a. eine laparoskopisch einsetzbare Spül- und Saugvorrichtung, das Elektrohäkchen, die Röder-Schlinge für intrakorporale (d. h. innerhalb des Körpers) Knoten und den CO2-Insufflator (d. h. Gerät zur Einblasung von gasförmigen Substanzen).

Vom „Galloskop“ zur CCD-Kamera

Die erste laparoskopische Cholezystektomie (d. h. Gallenblasenentfernung) am Menschen wurde 1985 vom deutschen Chirurgen Erich Mühe durchgeführt; mit einem so genannten „Galloskop“ (d. h. ein umgebautes Endoskop) mit Winkeloptik sowie zusätzlichem Insufflations-, Licht- und Arbeitskanal für die chirurgischen Instrumente.

Zwei Jahre später – nach Einführung der digitalen Kameratechnik (CCD) – hat der Franzose Philippe Mouret die erste videoassistierte laparoskopische Gallenblasenentfernung durchgeführt. 1989 wurde die Operationstechnik vereinheitlicht und wird bis heute standardmäßig oft noch in 4-Trokar-Technik, an einigen chirurgischen Abteilungen auch schon mit 3 Trokaren und 3 mm Geräten und Optik durchgeführt.

Begriffserklärung: Trokar

Ein Trokar ist ein Instrument, das sich in einem Tubus (d. h. Rohr) befindet und dessen Spitze die Öffnung des Tubus verschließt; vergleichbar mit der Miene in einem Stift. Der Tubus wird durch die Bauchdecke in den Bauchraum eingeführt und der Trokar aus dem Tubus herausgezogen. Jetzt kann der Chirurg mit einer Optik (einem Endoskop) bzw. u. a. Greif- und Schneideinstrumente innerhalb des Bauchraum minimal-invasiv operieren.

Vorteile der laparoskopischen Chirurgie

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Dr. Christian Enserer (Foto: privat)

„Der wesentliche Vorteil für den Patienten ist die nur äußerst geringe Traumatisierung durch den Eingriff. Das bedeutet: postoperativ weniger Schmerzen, geringeres Narbenbildungsrisiko, kürzerer Spitalsaufenthalt und eine raschere Rekonvaleszenz (d. h. Genesung) sowie auch ein ästhetisch schöneres Ergebnis. Vor allem ältere, multimorbide Patienten profitieren von einem minimierten Zugangstrauma“, klärt Dr. Christian Enserer auf.

Die Verminderung der operativen Stresssituation durch die Anwendung einer laparoskopischen Operationsmethode hat schlussendlich die flächendeckende Ausbreitung der Laparoskopie sowie die Behandlung weiterer Krankheitsbilder mit sich gebracht. Innerhalb von 10 Jahren hat die laparoskopische Cholezystektomie (d. h. Gallenblasenentfernung) die offene Operation als Behandlungsmethode der Wahl fast vollständig verdrängt. Heute gilt sie als Goldstandard. (d. h. diagnostisches bzw. therapeutisches Verfahren, das die bewährteste Methode im vorliegenden Fall darstellt).“

Standard bei bauchchirurgischen Eingriffen

„Die Laparoskopie hat sich in den letzten 3 Jahrzehnten bei zahlreichen bauchchirurgischen Eingriffen als Standard etabliert. Bei Bruchoperationen ist der laparoskopische Zugang dem offenen überlegen“, so der Chirurg. „Die laparoskopische Vorgangsweise bei Appendektomie (d. h. Entfernung des Wurmfortsatzes) bietet vor allem Vorteile bei adipösen Patienten oder bei Patienten mit nicht eindeutigen Krankheitsbildern. Auch Menschen, die schnell wieder belastbar sein müssen wie z. B. Sportler, die beispielsweise eine Leistenbruch-Operation benötigen und keine langen Trainingspausen einhalten können. In der Dickdarm-Chirurgie tendiert man nicht nur bei gutartigen Erkrankungen wie Morbus Crohn, Colitis ulcerosa (d. h. zwei schwere chronisch-entzündliche Darmerkrankungen) und Divertikulitis (d. h. eine bakterielle Entzündung der Darmschleimhaut) stark in Richtung Laparoskopie. Auch Carcinom-Operationen (d. h. Operationen von Krebserkrankungen) am Dickdarm und Enddarm werden durchgeführt.“

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  • 2. Teil: SILS-Technik – die sog. Schlüssellochchirurgie
  • 3. Teil: Zukunftstrend – NOTES und MILS (online ab Herbst 2014)

Kontakt

Dr. Christian Enserer

Autorenschaft: Mag. Katharina Tentschert, Publizistin im Bereich Gesundheitskommunikation, in Abstimmung mit Dr. Christian Enserer, Facharzt für Chirurgie (Stand: Juni 2014)