Magersucht beim Mann

 „Wann ist ein Mann ein Mann?“, hat Herbert Grönemeyer in seinem Song Männer gefragt und damit den Kern der Problematik auf den Punkt gebracht, weiß Mag. Bernhard Wappis, Klinischer- und Gesundheitspsychologe, aus eigener Erfahrung.

Das männliche Schönheitsideal hat sich seit der Antike nicht wesentlich verändert. Künstler wie Michelangelo haben es in Statuen wie dem weltberühmte David in Florenz verewigt: athletisch, durchtrainiert, stark; ein Einzelkämpfer, der scheinbar alles alleine meistern kann.

„Dieses Bild hat sich bis heute gehalten“, so Mag. Berhard Wappis. „Verstärkt wird es durch die massive mediale Berichterstattung vom durchtrainierten Männerkörper, der sich jetzt auch ganz offiziell dem Thema Schönheit und Pflege widmen darf.“

Vom Ernährer zum Halbe-Halbe-Mann

(Foto: Thinkstock, webphotographeer, iStock)

Im Gegensatz dazu hat sich das männliche Rollenbild durch die weibliche Emanzipation stark verändert. Früher waren Männer die so genannten Ernährer der Familie. Heute sollen sie beruflich erfolgreich sein, halbe-halbe im Haushalt und der Kindererziehung machen und noch dazu – gemäß dem männlichen Schönheitsideal – durchtrainiert und fit sein. Das erzeugt einen gewissen Druck. Doch wie geht Mann mit diesem veränderten Rollenbild und dem Druck um?

Hier kommt das Selbstwertgefühl ins Spiel. „Der Selbstwert entsteht durch die Förderung von Begabungen und Talenten. Und das schon in der Kindheit“, informiert Mag. Berhard Wappis. „Wenn Eltern und Pädagogen die individuellen Fähigkeiten der Kinder fördern und stärken, werden Kinder als Jugendliche und Erwachsene weniger anfällig für Botschaften von außen – wie sie beispielweise zu sein haben.“

Den Ursachen auf der Spur

healthBOXnews_Bernhard Wappis

Mag. Bernhard Wappis (Foto: privat)

„Es gibt nicht die eine Ursache, die eine Essstörung begründet. Meist sind es viele kleine Verletzungen in der eigenen Biographie, die uns als Kinder und Jugendliche prägen“, weiß der Klinische- und Gesundheitspsychologe aus eigener Erfahrung. „Ein mangelndes Selbstwertgefühl kann in späterer Folge zu einer psychischen Erkrankung führen. Die Essstörung kann eine Folge davon sein.“

Schätzungen zur Folge sind rund 200.000 Österreicher von einer Essstörung betroffen.1)  „Wobei die Dunkelziffer weitaus höher ist“, vermutet Mag. Berhnard Wappis. „Der überwiegende Großteil der Betroffenen sind Frauen. Rund 5-10% der Männer leiden an Anorexie (d. h. Magersucht) und 10-15% an Bulimie (d. h. Ess-Brech-Sucht). Beim Binge Eating Disorder-Syndrom (ähnlich der Bulimie, aber ohne Kompensation mit Sport und Erbrechen) ist das Verhältnis zwischen den Geschlechtern relativ ausgeglichen.“

Schritt für Schritt in Richtung Essstörung

Ist es bei Frauen primär das Schlankheitsideal, so ist es bei Männern oftmals das Übergewicht, das den ersten Schritt in Richtung Essstörung setzen kann. Was wie ein Widerspruch klingt, erklärt Mag. Berhard Wappis: „Der übergewichtige Mann reduziert mit Sport und einer veränderten bzw. reduzierten Ernährung sein Gewicht. Er bemerkt die Veränderung an sich selbst und erhält zusätzlich von seinem Umfeld eine Anerkennung. Das stärkt das Selbstwertgefühl.“

Wenn ich mein Essen kontrollieren kann, dann …

In weiterer Folge kommt das Gefühl der Selbstkontrolle auf,  was mit dem Gefühl von Mächtigkeit einhergehen kann. Wenn Mann dazu noch die Aufmerksamkeit und Anerkennung der Umwelt erhält und sich somit auch ein gesteigertes Selbstwertgefühl einstellt, kann das gefährlich werden und eine Spirale auslösen, die sich langsam beginnt, nach unten zu drehen.

Erste Anzeichen erkennen

Essstörungen schleichen sich langsam ein. Erste Anzeichen können sein:

  • eine massive Gewichtsabnahme in kürzester Zeit – ohne Anzeichen einer physischen Erkrankung
  • ein massiver Rückzug aus dem sozialen Leben
  • Immer wiederkehrende Essensverweigerung bei gemeinsamen Mahlzeiten (mit Ausreden wie „Ich habe schon gegessen.“ „Ich habe keinen Hunger.“)

Wer dies bei Familienangehörigen oder Freunden bemerkt, dem rät der Klinische- und Gesundheitspsychologe:

  • Teilen Sie Ihre eigene Wahrnehmung dem Betroffenen mit. Z. B. „Mir ist aufgefallen, dass du stark abgenommen hast.“ Assoziieren Sie das Verhalten nicht gleich mit einer Essstörung!
  • Vermitteln Sie dem Betroffenen, dass er Ihnen wichtig ist und dass Sie für ihn da sind.
  • Bleiben Sie dran. Bleiben Sie mit dem Betroffenen in Kontakt, auch wenn sich das Gefühl von Ohnmacht einstellen sollte.

Wer diese Veränderungen an sich selbst bemerkt und Hilfe sucht, dem rät Mag. Berhard Wappis:

  1. Schritt: Die Situation mit Menschen des Vertrauens (z. B. Eltern, Partnerin, bester Freund, Arzt des Vertrauens) besprechen.
  2. Schritt: Beratungsstellen kontaktieren
  3. Schritt: Literatur bzw. Erfahrungsberichte von Betroffenen lesen

Hilfe in Anspruch nehmen, ist männlich!

„Je früher man sich Hilfe holt, desto schneller kommt man aus der Situation wieder heraus“, weiß Mag. Bernhard Wappis aus eigener Erfahrung. „Die meisten Männer glauben noch immer, dass sie ihre Probleme alleine lösen müssen; und dass Mann nur dann ein echter Mann ist. Es ist viel mutiger, sich Hilfe zu organisieren und dann kann man auch leichter und gesünder durch das Leben gehen. Ich habe es so gemacht und werde mir auch in Zukunft Hilfe suchen, wenn ich sie brauche.“

Buchtipp

Darüber spricht man(n) nicht … !: Magersucht und Bulimie bei Männern von Mag. Bernhard Wappis

Weiterführende Informationen

Quelle:

1)    Institut für Menschen mit Essstörung, Stand: Jänner 2014

Autorenschaft: Mag. Katharina Tentschert, Publizistin im Bereich Gesundheitskommunikation, in Abstimmung mit Mag. Bernhard Wappis, Klinischer- und Gesundheitspsychologe (Stand: Jänner 2014)