Ästhetikgesetz

Was erwarte ich mir von einer plastischen Operation? Was wird sich verändern? Und sind diese Erwartungen realistisch? Das sind die Kernfragen, die sich jeder vor einer Schönheitsoperation stellen sollte.

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(Foto: Wiener Programm für Frauengesundheit)

Wir alle sind umgeben von einer Bilderflut schöner und scheinbar makelloser Menschen, die sich alle glücklich und sorglos in der Medienlandschaft tummeln und überdimensional von Plakatwänden herunter lächeln. Da können schon Zweifel aufkommen: „Ist meine Brust groß genug? Ist meine Nase schief? Habe ich Reiterhosen?“ STOP! Es sind nur Bilder. Bilder können bearbeitet, retuschiert und optimiert werden. Und dennoch beeinflussen sie uns. Warum?

Was wir sehen, halten wir für die Wahrheit.

„Evolutionär gesehen ist der Sehsinn der am besten ausgebildete Sinn. Das, was wir sehen, halten wir für die Wahrheit“, weiß Mag. Michaela Langer, Klinische und Gesundheitspsychologin und stellvertretende Leiterin des Wiener Programms für Frauengesundheit. „Doch die Bilder, mit denen wir heute – vor allem in den Medien – konfrontiert werden, entsprechen nicht mehr der Wahrheit. Es kommt zu einer Verzerrung der Wahrnehmung.“ Die Breite der Normalität wird immer schmäler und für Vielfalt scheint kein Platz mehr zu sein.

Schönheitsoperation als Lösung?

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Wiener Frauengesundheitsbeauftragte Univ.-Prof. Dr. Beate Wimmer-Puchinger (Foto: Inge Prader)

„Wir haben durch die nun vorgesehene präoperativ verpflichtende psychologische Betreuung speziell der unter 18-Jährigen die Chance, medial verzerrte Schönheitsideale richtig zu stellen bzw. den tatsächlichen Beweggründen für diese Operationen, die meistens ausschließlich psychotherapeutisch und nicht chirurgisch nachhaltig heilbar sind, auf den Grund zu gehen“, so die Wiener Frauengesundheitsbeauftragte Univ.-Prof. Dr. Beate Wimmer-Puchinger.

Denn: „Oft werden ästhetische Eingriffe als Lösung für psychische Probleme dargestellt“, informiert Mag. Michaela Langer. „Doch die Wirksamkeit dieses Lösungsversuches kann wissenschaftlich nicht bestätigt werden. Im Gegenteil: Neueste Studien zeigen, dass schon vor dem Eingriff bestehende psychische Probleme wie Depressionen, Angststörungen, Essprobleme, körperdysmorphe Störungen, Suizidversuche, selbstverletzendes Verhalten oder Drogenkonsum verstärkt werden.“

An diesem Punkt setzt das neue Gesetz unter anderem an: Auch erwachsene Menschen, bei denen der Verdacht besteht, dass hinter der Motivation für einen ästhetischen Eingriff eine psychische Störung steht, müssen von der Ärztin/dem Arzt zu einer psychologischen Beratung weitergeleitet werden. „Wenn eine Ärztin/ein Arzt an eine/n Psychologin/Psychologenn mit Fachwissen  zu den psychologischen Aspekten bei Schönheitsoperationen weiterverweist, ist das ein Qualitätskriterium für die Arbeitsweise der Ärztin bzw. des Arztes“, betont die Klinische- und Gesundheitspsychologin Mag. Michaele Langer.

Erwartungen vor der Operation abklären

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Mag. Michaela Langer (Foto: privat)

„Das Ziel ist, dass der Patient nach der Operation zufrieden ist; und das wird am ehesten gewährleistet, wenn die Motive und Erwartungen im Vorfeld klar definiert werden und abgeklärt wird, ob sie realistisch sind.“ Aus diesem Grund ist es für jeden empfehlenswert, sich vor der Operation über seine Motivation und Erwartungen klar zu werden.

Wie will ich nach der Operation aussehen? Es ist ganz normal, die chirurgischen Erwartungen ausführlich mit dem behandelnden Arzt zu besprechen und zu dokumentieren. Aber was ist mit den psychischen und sozialen Erwartungen? Um diese im Vorfeld abzuklären, stehen speziell geschulte Psychologen zur Verfügung.

Was sind psychische Erwartungen?

Habe ich nach der Operation …

  • ein positiveres Körperbild? Werde ich mich in meinem Körper wohler fühlen?
  • eine höhere Lebensqualität? Muss ich mich nicht mehr verstecken?
  • eine Steigerung des Selbstwertes? Kommt es zu einer Verbesserung meines Selbstwertgefühls?

Ob diese Ansprüche an die Schönheitsoperation realisierbar sind, lässt sich nur im psychologischen Gespräch klären.

Was sind soziale Erwartungen?

Grundsätzlich gilt: je höher die Erwartungen an die neue Nase oder den größeren Busen sind, desto größer die Enttäuschung. Denn nur weil ich nach der Operation „besser“ aussehe, bedeutet das nicht, dass ich meinen Traumpartner oder Freunde finde oder sich meine beruflichen Chancen verbessern.  „Eine psychologische Begutachtung vor einem ästhetischen Eingriff hilft den Interessierten ihre persönlichen Erwartungen zu definieren. Das ist der sicherste Weg, damit die Operation nicht nur optisch, sondern auch psychisch ein zufriedenstellendes Ergebnis erzielt“, so Mag. Michaela Langer.

Neues Gesetz im Überblick

Seit 1.1.2013 ist das Bundesgesetz über die Durchführung von ästhetischen Behandlungen und Operationen (ÄsthOpG) gültig. Wichtig: Hierbei handelt es sich um sog. Schönheitsoperationen und nicht um operative Eingriffe, die medizinisch notwendig sind!

  • Schönheitsoperationen an unter 16-Jährigen sind verboten.
  • Bei 16- bis 18-Jährigen ist eine psychologische Begutachtung verpflichtend;
  • ebenso bei Eingriffen bei Erwachsenen, bei denen der Verdacht einer krankheitswertigen psychischen Störung als Motivation für den ästhetischen Eingriff besteht.
  • Das Gesetz regelt die Werbung für ästhetische Eingriffe sowie
  • die Qualifikationen der Ärzte, die zu ästhetischen Eingriffen berechtigt sind.

„Ein seit langer Hand wichtiges Anliegen des Wiener Programms für Frauengesundheit wird hier in richtige und notwendige Rahmenbedingungen gegossen“, resümiert Univ.-Prof. Dr. Beate Wimmer-Puchinger. „Das Gesetz ist ein Meilenstein in der Qualitätssicherung und für den KonsumentInnen- und PatientInnenschutz.“

Weiterführende Informationen

Autorenschaft: Mag. Katharina Tentschert, Publizistin im Bereich Gesundheitskommunikation, in Abstimmung mit Mag. Michaela Langer, Klinische und Gesundheitspsychologin (Stand: April 2014)