Wenn die Geburt anders verläuft, als erhofft

Aufarbeitung von schwierigen und belastenden Entbindungen: Die Geburt ist ein kraftvolles, lebensschenkendes Ereignis, das sich viele Eltern als den schönsten Moment ihres Lebens ausmalen. Jede Geburt ist anders, doch nicht immer verläuft die Geburt nach Plan oder selbstbestimmt.

Ein Gastartikel von Carina Minar-Holzapfel

Die schmerzliche Erfahrung, dass selbst eine gute Vorbereitung kein Garantieschein für ein positives Geburtserlebnis ist, wird von immer mehr Frauen geteilt. Einen großen Anteil daran haben die steigenden Zahlen an Kaiserschnitten oder anderen medizinischen Interventionen (z. B. Saugglocke, Dammschnitt) während der Geburt.

Es kann jeder Frau passieren, dass nach einer schweren oder traumatischen Geburt die Belastung bleibt. Oft kreisen noch Wochen oder Monate (manchmal auch Jahre) danach die Gedanken um den Moment der Geburt und sind – neben dem Gefühl „versagt zu haben“ – quälende und ständige Alltagsbegleiter.

Erfahrungen eine neue Bedeutung geben

Newborn baby girl

(Foto: Fotolia)

„Geburtstrauma? So schlimm war es nicht – ich war nur völlig überrollt von der Situation einen Notkaiserschnitt zu bekommen und tottraurig, dass ich nach der Geburt für einige Zeit mein Kind nicht sehen konnte. Ich habe das Gefühl, mein Kind verlassen zu haben und dass uns diese Zeit gestohlen wurde. Das trübt unseren Start und wenn ich daran denke muss ich weinen,“ berichtet eine betroffene Mutter.

Von einem psychischen Trauma spricht man, wenn jemand, der mit einem bedrohlichen Ereignis konfrontiert war, auf dieses mit Entsetzen reagiert. Betroffene nehmen oft ihre eigenen Bedürfnisse kaum wahr. Viele Frauen haben Hemmungen davor von einem Trauma zu sprechen, da für sie der Begriff zu wenig greifbar scheint.

„Erfahrungen die wir gemacht haben, können wir aus unserem Gepäck nicht wirklich entfernen. Wenn sie uns sehr unangenehm sind, versuchen wir manchmal, sie zu vergraben und zu verstecken – am Rücken tragen wir sie trotzdem. Wir können sie jedoch auch ausgraben, aus einem anderen Blickwinkel betrachten und ihnen ein neue Bedeutung geben,“ schreibt Psychologin Angelika Markom in ihrem Buch „Diesmal geht alles gut – zuversichtlich in die neue Schwangerschaft“.

Auch wenn man „nur“ an der Geburt seines Kindes zu knabbern hat, ist es wert, die Geburt noch einmal zu betrachten. Damit man sie neu einordnen und unter den Erlebnissen, die das Leben geprägt haben, ablegen kann.

Belastungen individuell verarbeiten

Carina Minar-Holzapfel ist Mutter von zwei Kindern, u.a. Pädagogin und Geburtsnachsorgebegleiterin. (Foto: Carina Minar-Holzapfel)

Jede Persönlichkeit verarbeitet Belastungen anders und es ist nicht an uns zu urteilen, ob ein Geburtserlebnis „schlimm genug war“, um Gefühle oder Zeichen von Belastung bei den Betroffenen zu rechtfertigen.

„Nein, es ist nicht undankbar, unglücklich über den Geburtsverlauf zu sein, auch wenn das Baby nun gesund und munter neben einem liegt. Es geht bei einer Geburt eben nicht nur um das Endergebnis, sondern auch um die Gefühle von uns Müttern“, schreibt die Journalistin der Zeitschrift „Eltern“ Nora Imlau in ihrem neuen Buch „Das Geheimnis zufriedener Babys“.

Sätze wie: „Das Kind ist doch gesund, was hast Du eigentlich!“ werden vom Umfeld betroffener Frauen gerne als Alibi-Aufmunterung in die Runde geworfen, helfen aber kein Stückchen weiter, gibt es doch traumatische Geburten nach denen das Kind nicht gesund neben einem liegt und z. B. als Frühchen in der Neonatologie um sein Leben ringt. In diesen Fällen mobilisieren vor allem Mütter unmenschliche Kräfte um für ihr Kind da zu sein.

Ist das Kind still zur Welt gekommen (Totgeburt/Fehlgeburt) oder verstirbt kurz nach der Geburt so steht die Trauer um das Kind im Vordergrund. Damit rücken die traumatischen Geburtserlebnisse in den Hintergrund. Psychologische Unterstützung, Trauerrituale und Zeit können helfen, das Erlebte zu verarbeiten.

Mögliche Wege und Tipps zur Verarbeitung

  • Geburtsbericht anfordern und mit Fachpersonen sprechen, die bei der Geburt anwesend waren. Zu verstehen, warum etwas passiert ist, kann tröstlich sein.
  • Einzelgespräche oder Therapien: Mit jemanden die Geburt nach zu besprechen und dadurch neue Blickwinkel auf die Geburt zu bekommen, kann heilsam sein. (Dies kann auch eine Vertraute aus dem Umfeld sein) In Familienzentren oder privaten Praxen stehen PsychologInnen, TherapeutInnen, Hebammen, Doulas oder KrisenbegleiterInnen zu Verfügung, die speziell ihren Fokus auf Schwangerschaft, Geburt und die erste Zeit mit Baby haben.
  • Gesprächsgruppen: Hier treffen sich mehrere betroffene Mütter/Väter. Durch die fachkundliche Anleitung ist es möglich über gegenseitige Erlebnisse zu sprechen. Dabei ist es auch wichtig zu erfahren, dass man mit seinen Erlebnissen nicht alleine ist.
  • Babyheilbad/Bonding-Bad nach Hebamme und Craniosacral-Therapeutin Birgitte Meisser: Ist eine wunderbare körpertherapeutische Möglichkeit, um ein nicht stattgefundenes erstes Bonding nach der Geburt nachzuholen. Es kann in Spitälern gleich nach der Geburt (bitte danach fragen) oder in Praxen bzw. zu Hause auch Monate nach der Geburt gemacht werden.

Nicht zuletzt ist es wichtig, seinen persönlichen Weg zu finden, um mit einer schwierigen Geburt abschließen zu können, um auch zuversichtlich und glücklich das Mama-Sein genießen zu können oder auch in die nächste Schwangerschaft zu gehen.

Weiterführende Informationen

Buchtipps:

Gruppen bieten z. b. in Wien:

Der Verein SHG- Regenbogen listet in ganz Österreich Therapeuten, die nach der Geburt von stillgeborenen Babys unterstützen und bietet Selbsthilfegruppen bzw. Informationen rund um diese Thema an.

Carina Minar-Holzapfel ist Mutter von zwei Kinder, Pädagogin, Ressourcenorientierte Krisenbegleiterin Schwangerschaft, Baby und Familie (i.A.u.S) und Geburtsnachsorgebegleiterin. (Stand: Juli 2014)