Psychomotorik

(Foto: 2xSamara.com)

Lernen durch Bewegung: Psychomotorik ist ein Konzept zur ganzheitlichen Persönlichkeitsbildung durch Wahrnehmung und Bewegung. Was genau dahinter steckt, verrät die Pädagogin Heike Jahn im Interview.

Kinder haben ein natürliches Bedürfnis sich zu bewegen. Indem Kinder diese Bewegungsbedürfnisse ausleben können, wird sowohl ihre Phantasie, als auch ihre Kreativität und Spontanität angeregt und gefördert. Das wichtigste Argument für Eltern, um den natürlichen Bewegungsdrang ihrer Kinder zu fördern, ist allerdings die erwiesene Wechselwirkung zwischen der motorischen bzw. sensorischen Entwicklung und den Bereichen wie Kognition (Intelligenz), Sozialverhalten und Selbstwertgefühl.

Die kindliche Persönlichkeitsentwicklung ist also immer als Prozess des Zusammenwirkens psychischer, sozialer, kognitiver und motorischer Faktoren zu verstehen.

Wann wurde die Psychomotorik begründet?

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Heike Jahn (Foto: privat)

Der Gründer der Psychomotorik, Ernst J. Kiphard, ehemaliger Professor für Sportpädagogik der Frankfurter Goethe Universität entdeckte Mitte der 1950-er Jahre, wie Sport einen positiven Einfluss auf die emotionale Entwicklung von Kindern und Jugendlichen ausübt.

Er beschrieb den Zusammenhang zwischen psychischer und motorischer Entwicklung des Menschen als „Lehre der Psychomotorik“. Deren Konzepte finden in der Bewegungspädagogik, Bewegungstherapie, Krankengymnastik und Logopädie Anwendung.

Was für Ziele verfolgt diese Methodik?

Mithilfe der Psychomotorik können die Kinder lernen, durch gezielt gestaltete Bewegungssituationen und dem Setzen von Impulsen in Fantasiewelten einzutauchen. Mit dem Effekt, dass sie ihre individuellen Bedürfnissen und ihre Fähigkeiten entfalten und weiterentwickeln.

Was kann durch die Psychomotorik gefördert werden?

Durch Psychomotorik wird die Handlungskompetenz des Kindes in den nachstehenden Bereichen gefördert:

  • Unter der Ich-Kompetenz versteht man die Entwicklung von Selbstvertrauen und Selbstbewusstsein. Kurzum: Sich und seinen Körper wahrnehmen, erleben und verstehen. Mit sich selbst im Einklang und zufrieden zu sein.
  • Mit der Sach-Kompetenz lernen Kinder die Umwelt bewusster wahrzunehmen, zu erleben und mit ihr umzugehen. Kurzum: Kreativ und gestaltend neue Lösungswege zu finden.
  • Über die Sozial-Kompetenz kommunizieren und kooperieren wir mit anderen. So kann man lernen, einen besseren Einklang zwischen eigenen Bedürfnissen und den Bedürfnissen der anderen zu finden.

Was passiert, wenn diese Kompetenzen nicht gefördert werden? Tun sich die Kinder dann „schwerer“ im Leben?

Ein Kind, das zum Beispiel Auffälligkeiten in der Sprache zeigt, hat meist auch eine Auffälligkeit in einem anderen Bereich, wie zum Beispiel der Intelligenz oder Motorik. Meist wirkt sich auch nur eine Störung auf die gesamte Persönlichkeit hinsichtlich des sozialen Verhaltens oder der emotionalen Befindlichkeit aus. Jede Einwirkung auf einen Bereich hat also gleichzeitig eine Konsequenz bzw. Auswirkung auf die anderen. Aufgrund der positiven Auswirkungen in der praktischen Arbeit wird Psychomotorik nicht nur mehr als Fördermöglichkeit gesehen, sondern als Entwicklung eines positiven Selbstkonzeptes; sozusagen auch als Prävention.

Wie können sich Eltern die Methode in der Praxis vorstellen? Welche Übungen werden konkret gemacht?

Ein Beispiel einer Methode in der Praxis wären die angeleiteten psychomotorischen Erfahrungsräume: Hier trifft sich regelmäßig eine gleichbleibende Gruppe von maximal 12 Kindern an einem gleichbleibenden Ort. Vorzugsweise befindet sich dort immer eine aufgebaute Bewegungslandschaft, die einige Bewegungsherausforderungen anbietet. (Balancieren, eine schiefe Ebene, bewegliche zu überwindende Teile, ein Tunnel usw.)

Zu Beginn jeder Einheit gibt es einen Besprechungskreis, in dem auf ein gemeinsames Spiel eingestimmt wird. Beispiel: Wir sind heute in einem Wald und sitzen gerade auf einer Waldlichtung in weichem Moos (auf einer kuscheligen Decke). In unserer Phantasie wird der Balken zum umgefallen Baumstamm, die Rutsche wird zum Wasserfall usw.)

Dann werden die gültigen Verhaltensregeln im Wald besprochen:

  • Ich bin für mich und für die anderen verantwortlich.
  • Drängeln und Stoßen ist im Wald gefährlich.
  • Kaputte Wege sofort reparieren.

Bei ruhiger Musik spüren die Kinder in sich hinein, was sie heute im Wald erleben möchten. Danach wird der Wald für freies Spielen und Bewegen zur Verfügung gestellt. Hier hat das Kind die Möglichkeit viele Wege mit unterschiedlichen Schwierigkeitsgraden und seinem Entwicklungsstand sowie seiner momentanen Befindlichkeit entsprechend zu agieren.

Danach erfolgt eine intensive Bauphase: Mit verschiedenen Materialien wie Decken, Kluppen, Tüchern und Kleinmaterialien dürfen sich die Kinder Höhlen zum Ausruhen bauen. Das Ende der Bauphase wird rechtzeitig angekündigt, dann lädt ruhige Musik zum Ausrasten in der eigenen Höhle ein (Entspannungsphase). Bei einem Abschlusskreis darf jedes Kind über seine Erfahrungen und Erlebnisse berichten.

In welchem Alter sollten Kinder sein, um einen Kurs zu besuchen?

Als optimales Alter für eine solche, wie oben beschriebene Psychomotorik-Einheit hat sich das Vorschulalter bewährt. Die Kinder befinden sich hier in der Phase des „Magischen Denkens“ und können sich daher gut in Phantasiewelten wiederfinden. Psychomotorische Bewegungseinheiten lassen sich aber auch ganz anders gestalten, solange Kinder Spaß an Bewegung und Spiel haben. Auch das 1×1 lässt sich in spielerischer und bewegter Form sehr gut erarbeiten.

Wann raten Sie Eltern zu einem Psychomotorik Kurs? Gibt es Fälle, in denen Sie auch von einem Kursbesuch abraten?

Kinder agieren in einer Gruppe oder Klasse oft ganz anders als zu Hause. Oft ist es die Kindergartenpädagogin oder Lehrerin, die eine Auffälligkeit beobachtet. Eine Psychomotorik-Gruppe bietet auf jeden Fall ein optimales Lernfeld, um eventuelle Defizite auszugleichen oder sich gut auf die Herausforderungen und die Aufgaben des Lebens vorzubereiten.

Womit sich der zweite Teil der Frage erübrigt hat. Nachdem ich auf eine mittlerweile langjährige Erfahrung zurückschließen kann, gab es für mich bis jetzt nur sehr gute Erfahrungswerte und Rückmeldungen. Jede Psychomotorik–Einheit ist eine neue Erfahrung, eine neues Erlebnis, ein Blick in freudige und stolze Kinderaugen, wenn sie spüren, wieder ein Stückchen in ihrer Entwicklung gewachsen zu sein.

Literaturtipps

  • Beins, J.& Cox, S. (2002).“ Die spielen ja nur!?“ Psychomotorik in der Kindergartenpraxis (2. Auf.) Dortmund: Borgmann
  • Zimmer, R. ( 1995). Handbuch der Sinneswahrnehmung, Grundlagen einer ganzheitlichen Erziehung (3.Aufl.) Freiburg: Herder

Autorenschaft: Mag. Katharina Tentschert, Publizistin im Bereich Gesundheitskommunikation, in Abstimmung mit Heike Jahn, MA, Kindergartenpädagogin, Studium Psychomotorik, Universität Wien(Stand: September 2015)