Konzentrationsschwäche

Kinder wollen nur eines: die Nähe, Liebe und Zuwendung ihrer Familie. Warum Kinder in unserer Zeit viel zu schnell in „Schubladen“ gesteckt werden, verrät Mag. Sandra Luhn, selbst Mutter, Pädagogin sowie Legasthenie- und Dyskalkulietrainerin, im Interview.

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Die Fähigkeit sich zu konzentrieren, kann bereits im frühen Kindesalter gelernt und gefördert werden. Dies passiert vor allem über das gemeinsame Tun, in dem sich Bezugspersonen Zeit nehmen, mit den Kindern zu spielen, kreativ tätig zu sein, geduldig vorzulesen, zu malen, konzentrationsfördernde Spiele wie Puzzle oder Memory anzubieten, zu musizieren und vieles mehr. „Wichtig dabei ist, dass Eltern die Kinder immer wieder zum Weitermachen bzw. zur Beendigung der altersentsprechenden Aktivitäten motivieren,“ so Mag. Sandra Luhn.

Was sind die Ursachen für eine Konzentrationsschwäche bzw. –störung?

Es ist immer ein Zusammenspiel von sozialpädagogischen und entwicklungsspezifischen Faktoren, die es zu erfassen gilt, bevor man von einer Konzentrationsschwäche sprechen kann.

  • Ursachen für das Auftreten von Konzentrationsschwächen können beispielsweise sein:
  • Schlafmangel
  •  stressvoller Alltag bzw. zu volles Freizeitprogramm, ohne entsprechende Ruhepausen
  • Bewegungsmangel, unzureichende Muskelspannung
  • geringe entwicklungsspezifische und entwicklungsfördernde Angebote
  • Unselbständigkeit der Kinder
  • geringe Erfassungsspanne
  • falsche Ernährung und Flüssigkeitsmangel

Das Auftreten und die Wahrnehmung einer Konzentrationsschwäche bei Kindern sind vor allem von der Gestaltung des sozialen Umfelds abhängig (Familienalltag, Kindergarten- bzw. Schulalltag).

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„Kinder brauchen vor allem vor der Schule Freizeit, die sie auch selbst gestalten“, so Mag. Sandra Luhn. (Foto: privat)

Werden die Kinder überfordert?

Bei den Familien sehe ich eine Tendenz in den letzten Jahren, dass die Kinder meist einen eigenen Terminplaner brauchen, um ihre Freizeitaktivitäten zu organisieren. Dabei sind es oft nicht die von den Kindern gewünschten Aktivitäten, sondern jene von gut gemeinten Eltern, die davon überzeugt sind, dass umso mehr und umso früher ihr Kind Aktivitäten besucht, umso besser ihr Kind dann auch in der Schule ist. Dem muss ich wiedersprechen, da Kinder vor allem vor der Schule Freizeit brauchen, die sie auch selbst gestalten!

Kinder sollen sich auch langweilen dürfen, um kreativ zu werden, um ihre Fantasie zu aktivieren und selbst aktiv zu werden. Ein Alltag, der von den Erwachsenen gestaltet wird, leitet die Kinder zur Unselbständigkeit an und ermöglicht den Kindern nicht zur Ruhe zu kommen und sich auf einige wenige Dinge wirklich konzentrieren zu können.

Und in den Schulen?

In den Schulen wird immer wieder deutlich, dass die komplexe Beschaffenheit der Schulstruktur nicht alle Bedürfnisse der Kinder befriedigen kann. Hoch intelligente Kinder werden „auffällig“ und als „unkonzentriert“ eingestuft, weil sie sich mit dem allgemeinen Schulstoff langweilen.

Kinder, die Schwächen im Lernen aufweisen (wie z. B. Legasthenie, Dyskalkulie) sind unkonzentriert, weil die Gesamtgruppe mit einer Lehrerin ihnen nicht die notwendige Förderumgebung bieten kann. Die Schule an sich überfordert nicht, sondern die Rahmenbedingungen, mit denen die individuell entwickelten Kinder konfrontiert sind.

Es wäre aber wünschenswert, dass auch in der Schule durch die Lehrer mehr Individualität möglich wäre und gezielte Rahmenbedingungen geschaffen werden. Alle zusammen können dem Kind die beste Möglichkeit geben, die Schwäche abzubauen und vor allem die Schullaufbahn mit positiven Gefühlen zu durchleben.

Was können Anzeichen für eine Konzentrationsschwäche sein?

Anzeichen für eine Konzentrationsschwäche können sich schon im Kindergartenalter zeigen: Kinder können sich nur kurz einem Spiel zuwenden, vergessen einfache Handlungsanweisungen (wie z. B. Hol mir bitte einen Löffel aus der Küche), zeigen sich motorisch unruhig, haben Schwierigkeiten Regeln einzuhalten, sind sehr impulsiv und schwer „lenkbar“ und ähnliches.
Das Zusammenspiel mehrerer Faktoren ist notwendig, um von einer Konzentrationsschwäche zu sprechen. Weiters sollte daran gedacht werden, dass die Konzentrationsdauer eines Kindes im Alter von 5-7 Jahren bei ca. 10-15 Minuten liegt.

In der Schule erkennt man eine Konzentrationsschwäche anhand folgender Kriterien. Die Kinder…

  • können ihre Arbeitsmaterialien nicht zusammenhalten und wissen oft nicht, was die Aufgabe ist.
  • träumen und sind nicht bei der Sache.
  • brauchen sehr lange bis sie eine Aufgabe anfangen.
  • müssen immer wieder ermahnt werden, bei der Sache zu bleiben.
  • sind am Ende der Stunde in der Regel nicht fertig.
  • machen Flüchtigkeitsfehler, die sie nicht korrigieren.
  • vergessen Gelerntes schon nach kurzer Zeit komplett.

Was raten Sie betroffenen Familien?

Eltern sollten selbst schon früh beginnen ihre Kinder altersentsprechend zu begleiten, mit ihnen zu spielen und sie zu unterstützen, länger bei einer Sache zu bleiben. Der Kontakt im Kindergarten zur Kindergartenpädagogin durch Entwicklungsgespräche gibt den Eltern die nötige fachliche Information über die Konzentrationsfähigkeit ihres Kindes. Sollte sich die Konzentrationsschwäche erst in der Schule zeigen, dann immer wieder das Gespräch mit den Lehrer suchen bzw. ergänzend mit einem Psychologen Kontakt aufnehmen.

Eltern sollen die Kinder zur Selbständigkeit erziehen, ihnen nicht gut gemeint alles abnehmen. Bewusst Zeit mit ihrem Kind verbringen, durch Beobachtung die Entwicklung ihres Kindes begleiten und viel Spielzeit im Alltag unterbringen. Eltern sollten die Konzentrationsfähigkeit nicht daran messen, wie lange ihr Kind vor dem Fernseher sitzen kann. Denn dies ist nicht die richtige Maßeinheit!

Wie kann ein Trainer helfen?

In den Fördereinheiten mit einem Trainer wird darauf Wert gelegt, das gesamte soziale Umfeld des Kindes miteinzubeziehen. Das Kind wird in den Stunden mit speziellen Übungen, Spielen und Aktivitäten dahin geleitet, seine Konzentration zu verbessern. Es gibt fundierte wissenschaftliche Programme wie das Marburger Konzentrationstraining, die dabei unterstützend wirken. Die Trainingseinheiten können einzeln oder in Gruppen durchgeführt werden.

Bei der Auswahl von fachlichen Ansprechpartnern, sollte darauf geachtet werden, dass diese eine pädagogische, psychologische oder therapeutische Ausbildung und Kenntnisse bzw. Erfahrungen über entwicklungsspezifische Merkmale haben.

Was möchten Sie Eltern noch mit auf den Weg geben?

In unserer Zeit werden Kinder immer viel zu schnell in irgendwelche „Schubladen“ gesteckt – vor einigen Jahren war es ADS/ADHS, dann kam die Legasthenie/Dyskalkulie und immer wieder kehrend die Verhaltensauffälligkeiten.
Jeder spricht davon, dass die Kinder „anders“ sind als früher aber ich bin davon überzeugt, dass nicht die Kinder anders sind, sondern unsere Gesellschaft immer weniger Zeit für unsere Kinder zulässt. Bitte nehmen sie Ihr Kind individuell wahr, verbringen sie Zeit mit Ihrem Kind – hier gilt vor allem Qualität vor Quantität – und beobachten sie zuerst Ihr Verhalten und die sozialen Gegebenheiten bevor sie Ihr Kind als „anders“ bezeichnen. Kinder wollen nur eines: die Nähe, Liebe und Zuwendung ihrer Familie.

Mag. Sandra Luhn  ist

  • diplomierte Kindergartenpädagogin und Horterzieherin
  • Weiterbildung im analytischen Bereich für Kindergartenpädagogik
  • Theoretische Ausbildung zur Lebens- und Sozialberaterin
  • Studium der Pädagogik mit Schwerpunkt Sonder- und Heilpädagogik
  • Legasthenie- und Dyskalkulietrainerin
  • Coach zur Optimierung der persönlichen Leistungsfähigkeit (C.P.E.)

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Autorenschaft: Mag. Katharina Tentschert, Publizistin im Bereich Gesundheitskommunikation, in Abstimmung mit Mag. Sandra Luhn, u. a. diplomierte Kindergartenpädagogin und Horterzieherin sowie Legasthenie- und Dyskalkulietrainerin (Stand: September 2014)