Chillen statt Pflegen!

Rund 42.700 Kinder und Jugendliche pflegen in Österreich ein chronisch erkranktes Familienmitglied zu Hause. Hilfe und Entlastung im Pflegealltag bietet superhands – ein Projekt der Johanniter.

Für die 14jährige Lisa ist heute ein ganz besonderer Tag, auf den sie sich schon seit Tagen freut. Heute kommt zum ersten Mal ihre Freundin Yasmina zu ihr nach Hause. Lisa wird kochen und sie werden gemeinsam mit ihrer Mutter Mittagessen. Alles hat Lisa mit ihrer Mutter besprochen, damit sie sich auch darauf vorbereiten kann.

Die Mutter von Lisa hat eine chronische fortschreitende Erkrankung des Nervensystems. Lisa sorgt für ihre Mutter, die sich nicht ohne Hilfe zum Tisch setzen, kochen oder auf die Toilette gehen kann.

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Anleitungen, wie zum Beispiel Hilfe beim Transfer vom Bett in den Rollstuhl, geben die 15 Pflegevideos von superhands.(Foto: Johanniter, Nadine Studeny)

Das Schweigen brechen!

Die Geschichte von Lisa ist beispielgebend für 42.700 Kinder und Jugendliche in Österreich, die zu Hause ein chronisch erkranktes Familienmitglied pflegen. Das ergab eine repräsentative Studie der Pflegewissenschaft der Universität Wien im Auftrag des Sozialministeriums, die im Dezember 2012 präsentiert wurde. Diese Kinder, die im Durchschnitt 12,5 Jahre alt sind, unterstützen ihre kranken Eltern, Großeltern oder Geschwister z. B. bei der Körperpflege, dem Anziehen, beim Kochen, bei Arztbesuchen, im Haushalt oder beim Transfer in den Rollstuhl.

Das Recht nur Kind zu sein

healthBOXnews_superhands4_Foto_Johanniter_MarcellaRuizCruz„Kinder, die Angehörige pflegen, rutschen langsam in einen Pflegealltag hinein. Welchen Belastungen sie als pflegende Angehörige ausgesetzt sind, ist oft weder ihnen selbst noch dem Umfeld bewusst“, erzählt DGKS Anneliese Gottwald, Pflegedienstleitung der Johanniter und Projektinitiatorin von superhands. „Plötzlich verändert sich die Familienkonstellation und ihre Rollen: Die Tochter wird zur Pflegerin, oder der Sohn zum Pfleger. Die Kinder erfüllen Rollen, die nicht für sie vorgesehen sind. Sie übernehmen eine Verantwortung, die sie oft nicht alleine tragen können. Sie haben Sorgen und Ängste, über die sie mit niemanden reden können.“

Hilfsangebot – online und telefonisch

Um die Kinder und Jugendlichen aus dieser Isolation zu holen und sie zu entlasten, haben die Johanniter im Oktober 2012 das Hilfsangebot superhands ins Leben gerufen. Die Website bietet Information, Hilfe und Rat speziell für Kinder und Jugendliche. Unter der Telefonnummer 0800/88 87 87 steht darüber hinaus Montag und Donnerstag eine kostenfreie Hotline für persönliche Gespräche und Beratung zur Verfügung.

Entlastung der Kinder bzw. Teenager und deren Familien

superhands ist ein Hilfsangebot für Kinder und Jugendliche, die Angehörige pflegen. superhands wurde von den Johannitern entwickelt und konnte dank einer Unternehmenskooperation durch die Diakonie realisiert werden. Das Projekt finanziert sich Großteils durch private Spenden sowie einem Förderbetrag des Sozialministeriums.

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Beim 1. Flashmob von superhands „Chillen statt Pflegen“ waren viele gekommen, um einen grünen Händeabdruck als Zeichen der Solidarität mit pflegenden Teenagern zu hinterlassen. (Foto: Johanniter, Marcella Ruiz Cruz)

Ein wichtiges Ziel von superhands ist, sichtbar zu machen, was Teenager in dieser besonderen Situation leisten (müssen). Deren Angehörige und das soziale Umfeld sollen sensibilisiert werden, um Verständnis für diese Situation aufzubringen, Hilfe zu suchen oder zu leisten und die Betroffenen nicht zu überfordern.

Langfristig möchte superhands die Teenager und deren Familien durch die Organisation von professioneller Pflege oder anderer Dienste entlasten. „Jugendliche sollen nicht pflegen, sondern sie selbst sein können. Denn das Erwachsenenwerden und die damit einhergehenden Fragen, Anforderungen und Probleme sind für sich schon eine große Herausforderung“, betont Gottwald.

Ein erster Schritt

Lisa ist stolz auf sich. Mit der Einladung ihrer Freundin zum Mittagessen, hat sie es geschafft, aus ihrem persönlichen Pflegealltag heraus zu treten und ihre Vertrauensperson herein zu bitten. Noch ist für Lisa ungewiss, wie Yasmina auf die Situation reagieren wird. Aber sie weiß, sie ist mit dem Thema zum ersten Mal nicht mehr alleine.

Weiterführende Informationen

Autorenschaft: Mag. Katharina Tentschert, Publizistin im Bereich Gesundheitskommunikation, in Abstimmung mit dem Projekt superhands (Stand: Juli 2014)