Validation

Eine Methode zur Kommunikation mit sehr alten, desorientierten Menschen: Was Validation© nach Naomi Feil auszeichnet, erklärt Monika Natlacen, Vizepräsidentin der Selbsthilfegruppe Alzheimer Austria, im Interview.

Wer ist Naomi Feil und warum hat sie die Methode begründet?

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(Foto: Thinkstock, istock)

Naomi Feil ist eine amerikanische Sozialarbeiterin und Gerontologin, die die Methode der Validation® begründet hat. Es geht um empathische Kommunikation mit hochbetagten, desorientierten Menschen, um die bedingungslose Akzeptanz ihres „So-seins“.

Validieren heißt „für gültig erklären, die Gefühls- und Erlebenswelt bestätigen und anerkennen“. Denn wir bestehen nicht auf unserer Wahrnehmung, auf unserer Realität, sondern anerkennen die der Betroffenen.

Naomi Feil hat die Methode entwickelt, weil sie die Erfahrung gemacht hat, dass die Betroffenen, wenn sie an unserer Realität orientiert werden, mit immer stärkerem Rückzug reagieren und die Möglichkeiten sich auszudrücken, immer mehr abnehmen.

Können Sie hier ein Praxisbeispiel nennen?

Eine alte verwirrte Dame möchte dringend nach Hause gehen, weil die Kinder warten. Wir stellen uns nicht in den Weg, sondern gehen ein paar Schritte mit, geben Halt und Nähe und erkennen das Bedürfnis, nützlich zu sein, die alte Rolle auszuüben, eine Sinn zu erleben. Wir sprechen über Zuhause, wer Zuhause wartet und was eine gute Mutter für die Kinder tut. Dann nimmt das Bedürfnis wegzugehen ab. Eine an unserer Realität orientierte und hier nicht hilfreiche Antwort wäre: Die Kinder sind schon groß. Das Zuhause gibt es nicht mehr. Im Pflegeheim ist es auch schön und Kaffeetrinken wäre jetzt eine Alternative.

Worin liegen die Ursachen für diese Desorientierung?

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Monika Natlacen (Foto: Susanne Keuschnig)

Naomi Feil spricht nicht von Demenz, weil dieser Begriff ihrer Erfahrung widerspricht, dass die Betroffenen unbewusst weise handeln, um Unerledigtes, Unausgedrücktes, Unaussprechliches auszudrücken, bevor sie sterben.

Die Ursachen für eine Desorientierung werden umfassend gesehen und nicht auf Abbauprozesse im Gehirn reduziert: Entscheidend ist, ob der Umgang mit Verlusten, ob Belastendes (und hier speziell Traumatisierungen) oder Unerledigtes ausgedrückt und aufgearbeitet werden konnte, oder ob dieser schwere Gefühlsrucksack erst im hohen Alter und mit nachlassender Gedächtnisleistungen aufbricht und erst dann mit den zur Verfügung stehenden Mitteln, sprachlich oder durch verändertes Verhalten aufgearbeitet wird.
Jetzt brauchen diese in der Phase der Aufarbeitung befindlichen Menschen unser einfühlsames, nicht wertendes Zuhören.

Worauf basiert diese Kommunikationsmethode?

Die Validation® besteht auf 3 Säulen:

  • eine grundlegend empathische Haltung
  • eine Entwicklungstheorie, die uns hilft, ihr Verhalten zu verstehen
  • und 15 verbale und nonverbale Techniken, die beim Ausdruck von Gefühlen unterstützen

Empathie ist mehr als Sympathie. Ich fühle, was der oder die andere fühlt. Ich gehe „in den Schuhen des oder der Anderen“. Ich werte nicht und kommentiere nicht. Ich gebe den ausgedrückten Gefühlen in mir Raum und gebe dem Gegenüber zu verstehen, dass die Gefühle bei mir angekommen sind; dass sie anerkannt werden.

Durch die Entwicklungstheorie können wir die 4 Phasen der Aufarbeitung und die jeweils ausgedrückten Bedürfnisse erkennen, nicht um den Betroffenen eine Etikett zu geben, sondern um die jeweils zielführenden Techniken richtig einzusetzen.

Die Techniken unterstützen beim Ausdruck von Gefühlen. Ein Prinzip der Validation® besagt, dass schmerzhafte Gefühle und Erinnerungen, die ausgedrückt und durch eine vertrauensvolle ZuhörerIn validiert werden, nachlassen. Werden diese Gefühle ignoriert und unterdrückt, werden sie stärker.

Was kann man mit Validation erreichen – bei den Betroffenen?

Wir können eine vertrauensvolle und einfühlsame Beziehung aufbauen, wir können die Würde achten und den Selbstwert stärken, wir können helfen unerledigte Lebensaufgaben zu lösen. Wir können den Rückzug in Sprachlosigkeit und Einsamkeit verhindern. Wir können sogar beitragen, den inneren Frieden zu erlangen, den sich viele Menschen vor dem Lebensende wünschen.

Gibt es Betroffene, für die Validation® nicht geeignet ist?

Validation® ist kein Wundermittel für alles. Naomi Feil hat die Zielgruppe für ihre Methode genau festgelegt: Menschen, die im hohen Alter an einer senilen Demenz vom Typ Alzheimer erkranken und die im früheren Leben keine schwere psychiatrische Erkrankung aufweisen.

Bei Vaskulärer, Frontotemporaler, Lewybody Demenz und früheinsetzender Demenz vom Typ Alzheimer können die Ziele nicht erreicht werden: Den Rückzug verhindern, die Phasen der Aufarbeitung begleiten und unterstützen, weil es bei diesen Formen der Demenz in der Regel zu keiner Aufarbeitung kommt.

Eine Säule der Validation® ist jedoch für die Begegnung mit jedem Menschen mit und ohne Einschränkung von Bedeutung: Eine grundsätzlich wertschätzende, empathische und respektvolle, die Würde achtende Haltung!

Wie können Angehörige von der Methode profitieren?

Durch die Validation® erleben die Angehörigen mehr Freude in der Begegnung und legen das Gefühl der Hilflosigkeit gegenüber den Betroffenen ab. Sie erfahren unmittelbar die Verbesserungen des und den Einfluss auf das Wohlbefinden der Betroffenen. Für Menschen mit einer Desorientierung ist so ein längeres Verweilen in der gewohnten Umgebung möglich.

Was raten Sie Angehörigen, die sich für die Methode interessieren?

Informieren sie sich über die Methode. Lernen sie die Sprache der Validation® um Beziehung neu zu gestalten, um auf die eigenen wie auch auf die Gefühle und Bedürfnisse der Betroffenen zu achten und mehr Freude in der Begegnung mit Menschen mit einer Desorientierung zu erleben.

Validieren zu lernen, ist wie das Aneignen einer neuen Sprache. Es braucht Zeit und Übung und die Bereitschaft, ehrlich mit den eigenen Gefühlen zu sein, sich zu fragen, ob ich eine Brücke in die Welt der Demenz bauen möchte. Wenn das der Fall ist, werden sie die Bereicherung für den eigenen Alterungsprozess und für die Kommunikation und Begegnung mit alten, desorientierten Menschen erleben.

Durch Bücher:

In Kursen:

Es gibt Kurse für pflegende Angehörige, für Professionelle oder ehrenamtlich Tätige. Zum Beispiel im Wiener Roten Kreuz, im Kardinal König Haus in Wien, bei der Selbsthilfegruppe Alzheimer Austria in Wien, beim Samariterbund in Linz, in Kärnten bei Inca-Kompetenz.

Viele Institutionen verwenden Validation® und die über 60 österreichischen ValidationsexpertInnen kommen zu Vorträgen oder Schulungen; u.a. Österreichisches Institut für Validation

Weiterführende Informationen

Demenzbetreuung

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Autorenschaft: Mag. Katharina Tentschert, Publizistin im Bereich Gesundheitskommunikation, in Abstimmung Monika Natlacen, Vizepräsidentin der Selbsthilfegruppe Alzheimer Austria (Stand: Oktober 2014)