Psychoonkologie

Die Erforschung und Behandlung der Psyche sowie der sozialen Belange von Menschen, die an Krebs erkrankt sind sowie deren Bezugspersonen: Damit beschäftigt sich die Psychoonkologie.

Ein Gastartikel von Mag. Maria Thaller

Dabei ist die interdisziplinäre Zusammenarbeit verschiedener Berufsgruppen (Ärzte, Psychologen, Psychotherapeuten, Pflegepersonen, Seelsorger, Sozialarbeiter) von zentraler Bedeutung.

Psychoonkologische Unterstützung in Anspruch nehmen

healthBOXnews_Psychoonkologie_Bild_Thinkstock.com_Kollektion_istock

(Foto: Thinkstock, Alexander Raths, iStock)

Grundsätzlich ist zu empfehlen, dass sich Betroffene möglichst bald nach der Diagnosestellung an Klinische Psychologen oder Psychotherapeuten wenden. In vielen Krankenhäusern sind Psychoonkologen bereits Teil eines interdisziplinären Teams, das sich um die umfassende Betreuung der Patienten bemüht.
Menschen, die an Krebs erkrankt sind, durchlaufen verschiedene Phasen der Krankheitsverarbeitung: Diese reichen von Ungewissheit, Schock, Verleugnung, Zorn, Depression, Verhandeln bis zum Akzeptieren. Die Verarbeitung der Krankheit verläuft jedoch nicht linear, sondern in „Serpentinen“. Für einen Menschen, der sich mit seiner Krankheit aktiv auseinandergesetzt hat, kann bspw. eine Befundverschlechterung wieder einen großen Schock bedeuten. In der Folge sind depressive oder aggressive Reaktionen nicht selten.

Anzeichen für psychoonkologischen Betreuungsbedarf sind v.a.

  • körperliche Beschwerden (z. B. Schmerzen, Nebenwirkungen medizinischer Therapien, wie Übelkeit oder krebsbedingte Erschöpfung „fatigue“)
  • psychosoziale Konflikte (z. B. familiäre Probleme)
  • depressive Zustände und Ängste
  • mangelnde compliance („Mitarbeit“)
  • akute Krisen (bspw. nach Befundverschlechterung)

Psychologen/Psychotherapeuten können helfen

„Was hat mir in schwierigen Lebenssituationen bisher geholfen?“ Informative und entlastende Gespräche zielen u. a. auf die Unterstützung der Krankheitsverarbeitung, die Stärkung von Beziehungen und die Aktivierung von Ressourcen.
Entspannungsanleitungen (bspw. autogenes Training oder Imaginationstechniken) reduzieren Angst, Schmerzen oder Übelkeit und helfen auch bei Schlafproblemen. Diese Übungen werden individuell angepasst, sind relativ einfach zu erlernen und zu Hause anzuwenden.

Verhaltenstipps für Angehörige

healthBOXnews_Maria_Thaller_Bild_Lilly

Mag. Maria Thaller (Foto: Lilly)

Grundsätzlich ist zu empfehlen, dass enge Bezugspersonen bei wichtigen Befundbesprechungen – soweit der Patient einverstanden ist – dabei sein sollten. Auf diese Weise sind sie von Beginn an über Krankheit, geplante Therapien und mögliche Nebenwirkungen informiert. Einfühlsame Gesprächsangebote über die Erkrankung und auftretende Gefühle innerhalb einer Familie sind wichtig und schaffen Nähe. Die Selbstbestimmtheit des Patienten sollte weitgehend erhalten bleiben.
Kinder sollte man altersentsprechend über die Erkrankung eines Elternteils informieren. Broschüren, wie „Mama hat Krebs“ (von der Wiener Krebshilfe) informieren über adäquaten Umgang mit Kindern je nach Alter.

Angehörige sollten aber auch auf sich selbst achten

Angehörige durchlaufen – ähnlich wie die Patienten – ebenfalls verschiedene Verarbeitungsphasen der Erkrankung; jedoch meist zeitlich nicht parallel! In der Anfangsphase ist oft starke Annäherung zu beobachten. Viele Angehörige haben an sich den Anspruch „besonders stark sein zu müssen“. Sie verzichten über lange Zeit auf eigene Hobbies und schlittern auf diese Weise nicht selten in Überforderung. Erschöpfung, Schlafprobleme, erhöhte Reizbarkeit etc. sind ernstzunehmende Anzeichen von Depressivität.
Daher ist es wichtig, dass Angehörige eigene Grenzen erkennen und ihre Kräfte realistisch einschätzen. Sie sollten sich regelmäßig Zeiten zum „Auftanken“ freihalten (Hobbies nachgehen etc.), aber auch rechtzeitig professionelle Unterstützung holen.

Psychoonkologische Unterstützung auf dem Prüfstand

Wissenschaftliche Studien belegen die Effektivität psychoonkologischer Interventionen. Diese reduzieren nachweislich Angst, Depression und Stress und verhelfen zur Verbesserung der Lebensqualität und der sozial-kommunikativen Probleme.
Psychologische Unterstützung ist als Hilfe zur Selbsthilfe zu verstehen. Psychoonkologen sind achtsame, kompetente Begleiter von Menschen mit einer Krebserkrankung.

In meiner langjährigen Arbeit mit Menschen, die an Krebs erkrankt sind, habe ich mehrmals gerade von jenen, die psychologischer Unterstützung anfangs kritisch gegenübergestanden sind, gehört: „Die Gespräche tun mir wirklich gut. Ich hätte viel früher zu Ihnen kommen sollen“.

Weiterführende Informationen

Während des Krankenhausaufenthalts können Patienten ihren Wunsch nach psychologischer Unterstützung auch eigeninitiativ gegenüber den Pflegefachkräften oder im Rahmen der Visite äußern.

Außerhalb des Krankenhauses stehen Klinische Psychologen und Psychotherapeuten in freier Praxis sowie Fachleute spezieller Beratungsstellen Betroffenen und deren Angehörigen zur Verfügung.

Kontaktadressen, Broschüren und weiterführende Informationen finden Sie unter:

Mag. Maria Thaller ist Klinische Psychologin und Gesundheitspsychologin. Die zweifache Mutter lebt und arbeitet in Wien. (Stand: Oktober 2014- März 2016)