Modell Großfamilie

„Jung & Alt – Zusammenhalt“, heißt das einzigartige Projekt, das Dr. Ulrike Habeler, Fachärztin für Kinder- und Jugendheilkunde sowie Allgemeinmedizin mit Master of Science für Geriatrie, begründet hat. Im Interview erläutert die Medizinerin, die die 1. Österreichische Praxis für Pädiatrie und Geriatrie eröffnet hat, ihre Beweggründe.

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Projekt: Jung & Alt – Zusammenhalt (Foto: Jan Frankl)

Ein Brückenschlag zwischen den Generationen, der vor allem alten Menschen ein neues Zuhause bietet, das nicht am Rande der Gesellschaft statt findet: Lautet der Grundtenor des Projektes „Jung & Alt – Zusammenhalt“, das dem verloren gegangenem Zusammenhalt zwischen den Generationen mit einem einzigartigen Projekt entgegen tritt und eine wichtige gesellschaftspolitische Vorreiterrolle einnimmt.

Wie ist diese Projektidee entstanden?

Aufgewachsen mit einem Großvater, der 1878 geboren ist, ich selbst bin 1962 geboren, war das Wort Generationenkluft ein Fremdwort in unserem täglichen Umgang miteinander. Da sich meine Mutter ein Monat nach meiner Geburt von meinem Vater scheiden ließ, war es mein Großvater, der mir das Fläschchen gab. Umgekehrt habe ich dann später für uns beide, da er einen Schlaganfall erlitten hatte, das Essen täglich in einem Aluminiumträger von einem Gasthaus in der Nähe geholt.

Schon während des Medizinstudiums fragte ich mich, was will ich mit meinem Studium einmal erreichen, was kann ich der Gesellschaft einmal zurückgeben? Die Heimstätte für Jung und Alt war im Kopf geboren und wurde auch 25 Jahre später tatsächlich Wirklichkeit.

Ich habe auch alle meine Ausbildungen auf dieses eine Ziel hin ausgerichtet, nach der Ärztin für Allgemeinmedizin und Fachärztin für Kinder- und Jugendheilkunde mit dem Zusatzfach Intensivmedizin habe ich auch eine Notarztausbildung absolviert, das Diplom für Geriatrie, das Diplom für Palliativmedizin und schließlich noch den MBA an der WU Wien für Health Care Management gemacht. Anfangs hielt mein Mann all das für ein „Luftschloss“, sodass dies unser familiärer Nickname für das Projekt „JAZ – Jung und Alt : Zusammenhalt“ wurde.

Wie wird das Projekt „JAZ – Jung & Alt Zusammenhalt“ aussehen, wenn es fertiggestellt ist?

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Dr. Ulrike Habeler, Projektleiterin (Foto: Jan Frankl)

Ja, wir befinden uns noch in Bauphase 2, insgesamt sollen auf einem Areal von gesamt 12.000 m2 fast 40 ältere Menschen Rundum-Betreuung und grünes Wohnen gemeinsam mit Kindern in einer Kindertagesstätte finden, die in einem noch zu errichtenden Haupthaus in Bauphase 3 betreut werden.

Unsere Ordination, die 1. Österreichische Pädiatrisch-Geriatrische Praxis, und das Wohnhaus sind bereits fertiggestellt, derzeit werden 2 der insgesamt 12 Bungalows gebaut. Hinter dem Projekt steht der Verein „JAZ – Jung & Alt: Zusammenhalt, Österreichische Gesellschaft zur Förderung des intergenerationellen Zusammenhalts“, der auf Basis von Förderern und Unterstützern das Projekt weiter vorantreibt.
Ziel ist es für uns, einen Ort zu schaffen, der Generationen zusammenführt, das ursprüngliche Modell „Großfamilie“ wiederaufleben lässt und vor allem alten Menschen ein neues Zuhause bietet, das nicht am Rande der Gesellschaft statt findet.

Was ist das besondere an den Bungalows, wie sind diese für alte Menschen konzipiert?

Die 12 Bungalows im JAZ nehmen auf die speziellen Bedürfnisse der Menschen im Alter Rücksicht: Sie sind barrierefrei und ebenerdig gebaut und so eingerichtet, dass alte Menschen sich problemlos zurecht finden. Die Bungalows sind entweder mit einer Terrasse oder einem Wintergarten ausgestattet, ein Einzelzimmer und ein Doppelzimmer stehen zur Verfügung. Vier Mal täglich gibt es Mahlzeiten, die gemeinsam im Haupthaus eingenommen werden, dazwischen können Jung und Alt die Zeit gemeinsam verbringen und voneinander profitieren.

Mein Mann hat Psychologie studiert und in seiner Arbeit die Wechselwirkungen von Jung und Alt aufeinander untersucht: Wir konnten beobachten, dass die jüngere Generation eine positive Auswirkung auf die Selbstfürsorge von älteren Menschen hat, das heißt, diese sind bemühter, selbstständig zu bleiben, sich zu pflegen und auf sich zu achten. Vor allem auch die geistige Leistungsfähigkeit und Kreativität bleiben länger erhalten, ältere Menschen können dadurch sprichwörtlich „weniger schnell dement“ werden.

Sie haben soeben die 1. Österreichische Praxis für Pädiatrie und Geriatrie eröffnet – was haben Jung und Alt in der Behandlung gemeinsam?

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Dr. Ulrike Habeler, 1. Österr. Praxis für Pädiatrie und Geriatrie (Foto: Jan Frankl)

Bei Jung und Alt sind gerade die Vorsorge und die ganzheitliche Behandlung von großer Bedeutung. In der Behandlung von Kindern wird besonders auf Früherkennung und Entwicklungsförderung geachtet. Und Angehörige sind natürlich auch ein wichtiger Faktor in der Behandlung.

Ältere Menschen können aus medizinischer Sicht vorsorgen: Wichtige Faktoren sind dabei gesunde Ernährung, ausreichend Flüssigkeit und regelmäßige Bewegung. Und es gibt eine spezielle Vorsorgeuntersuchung für die Generation 60+ sowie 75+, die ältere Menschen auf Risikofaktoren hin untersucht, aber auch sehr viel Beratung zu Lebensstil und sozialer Unterstützung im Alter anbietet.

Gerade bei alten Menschen ist neben der körperlichen Allgemeinkonstitution die Einbeziehung von sozialen Faktoren ganz wichtig. Dazu zählen u.a. Neigung zu Depression, wie sehr ist die Selbsthilfefähigkeit ausgeprägt, wie sieht es mit Mobilität und Motorik aus?

Auch ist es immer ganz grundlegend, Angehörige in die Therapieplanung und Behandlung einzubeziehen, und verständlich und aufzuklären und gemeinsam zu entscheiden. Dies gilt sowohl für die Eltern von Kindern, die bei mir in Behandlung sind, als auch für die Angehörigen oder Pflegenden von alten Menschen.

Autorenschaft: Mag. Verena Flatischler, Kommunikationsberaterin in Wien, in Abstimmung mit Dr. Ulrike Habeler, Projektleiterin JAZ und Fachärztin für Kinder- und Jugendheilkunde sowie Allgemeinmedizin mit Master of Science für Geriatrie. (Stand: Oktober 2014)

Weiterführende Informationen

„Jung & Alt – Zusammenhalt“